Festival Besondere Blickwinkel

Rückblick: Festival für Kunst und Inklusion

 
 

Das erste Festival „Besondere Blickwinkel" für Kunst und Inklusion hat im Oktober 2025 in Ingolstadt neue Maßstäbe gesetzt. Initiiert vom Kunstzentrum Besondere Menschen unter der Leitung von Maria Tietze und in Kooperation mit dem Stadttheater Ingolstadt, schuf das Festival eine Plattform, auf der Kunst und Inklusion auf beeindruckende Weise verschmolzen.

„Besondere Blickwinkel" schaffte genau das, was sich die Festivalmacher:innen auf die Fahnen geschrieben hatten: Es baute Grenzen ab, eröffnete neue Perspektiven und machte sichtbar, dass künstlerische Exzellenz und Inklusion keine Gegensätze sind. Das Festival bewies eindrucksvoll, dass Unterschiede bereichern und dass Kunst dann am stärksten wirkt, wenn sie allen Menschen eine Bühne bietet – ohne Barrieren, ohne Schubladen, mit echter Teilhabe.

Der zweite Festivalteil findet vom 09. bis 15. März 2026 statt – mit der spektakulären Modenschau „Moon River",
“O (die shOw)” von baff (Berlin/Ljubljana) und weiteren spannenden Workshops.

Das vollständige Programm sowie Ticketinformationen sind online abrufbar unter:

 
 

Besondere Blickwinkel – das inklusive Festival für Kunst, Tanz und Theater in Ingolstadt

Festival Eröffnung

 
 

Festivaleröffnung – Foto: Germaine Nassal

Vielfalt der Perspektiven: Eröffnung des Festivals

Gemeinsam mit der Vernissage wurde das erste inklusive Kulturfestival „Besondere Blickwinkel" in Ingolstadt feierlich eröffnet. Im proppenvollen Blauen Salon des Stadttheaters präsentierten die jungen Künstler:innen des Kunstzentrums Besondere Menschen ihre Werke – und zeigten eindrucksvoll, welche kreativen Perspektiven in ihnen stecken.

Kunst in vielfältigen Facetten

Die Ausstellung „Vielfalt der Perspektiven" vereinte unterschiedlichste Techniken und Stile: lebendige Aquarelle und Acrylbilder auf Papier und Leinwand, Druckgrafiken sowie einige Arbeiten auf Holz. Die Werke ließen sich von großen Meistern wie Matisse, Picasso, Hundertwasser, Warhol und Miró inspirieren.

Auch die vier Elemente – Luft, Erde, Wasser und Feuer – fanden in farbenfrohen Landschaften, Innenschau und elementaren Darstellungen ihren Ausdruck.

Kreativität ohne Grenzen

Die Ausstellung bot einen lebendigen Einblick in die Kreativität und Talente der jungen Künstler:innen und zeigte eindrucksvoll, dass Kunst großzügig und offen für alle sein muss – wie es Katharina Kramer bei der Eröffnung formulierte. Nur so könne man Grenzen überwinden, Verbindungen stiften und neue Perspektiven aufzeigen.

Die Eröffnung fand in deutscher Lautsprache mit Übersetzung in deutsche Gebärdensprache statt – dank Gebärdendolmetscherin Lotte Dietz konnten sich alle Gäste, darunter auch internationale Besucher:innen aus Argentinien, mitgenommen fühlen.

Die Ausstellung war noch bis zum 25. Oktober im Blauen Salon zu sehen und setzte ein starkes Zeichen für Offenheit, Respekt, Begegnung auf Augenhöhe und neue Blickwinkel.

 
 

Carmen

 
 

Carmen – Foto: Germaine Nassal

Triumph der Selbstbestimmung

Das belgische Theater Stap und die Compagnie Lodewijk/Louis präsentierten im Rahmen des Festivals „Besondere Blickwinkel" eine außergewöhnliche Version von Bizets berühmter Oper. Das Publikum erlebte ein kraftvolles Statement für Selbstbestimmung und gesellschaftliche Vielfalt, das mit begeisterten Standing Ovations belohnt wurde.

Die Produktion vereinte drei besondere Meilensteine: Bizets Oper feierte ihr 150-jähriges Bestehen, das Theater Stap blickte auf vier Jahrzehnte künstlerischer Arbeit mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zurück, und die Compagnie Lodewijk/Louis existierte seit zwei Dekaden.

Bizets Oper war nur noch in groben Umrissen erkennbar. Die Musik wurde durch Mauro Pawlowski und Dif Sanders kreativ neu zusammengesetzt – ein faszinierendes Klangexperiment zwischen Oper, Pop und Improvisation, hochprofessionell an Synthesizer und Gitarre gespielt, während Aline Goffin in brillanter Koloratur sang.

Die schauspielerische Leistung der zwölf Darsteller:innen mit kognitiven Einschränkungen berührte zutiefst. Sie spielten ihre Rollen authentisch und offen, voller Kraft und Hingabe.

Der modernisierte Text mit Jugendsprache und herzerfrischenden Gags sorgte für Lacher und machte das Stück zu einem hochdramatischen und zugleich urkomischen Erlebnis über wahre Menschlichkeit, Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Ein neues Ende für Carmen

In dieser Inszenierung starb Carmen nicht – sie triumphierte! Don José schoss zwar, verfehlte sie aber. Carmen, brillant gespielt von Hazina Kennis, riss siegreich den Arm hoch, trat das Patriarchat in den Boden und steuerte auf ein selbstbestimmtes Leben zu. Ihre Fragen – „Ist es, weil ich eine Frau bin? Weil meine Stimme nicht gut genug ist? Weil ich anders liebe?" – bekamen vor dem Hintergrund der bitter nötigen Inklusion eine ganz neue Bedeutung.

Die Männer machten sich lächerlich in ihren knallroten Badehosen und bröckelnden Klischees, während Carmen und Micaëla (hinreißend: Gitte Wens) selbstbewusst ihre Vorurteile vom Tisch wischten. Es war ein Geschlechterkampf par excellence – ein Stück, das mitten im Heute spielte und die Zuschauer:innen aufforderte, ihre Vorstellungen von Normalität, Schönheit und Stärke zu überdenken.

Triumph der Frauen, der Selbstbestimmung und der Inklusion! Die Party begann, während die Habanera erklang.

 
 

Hamlet

 
 

Hamlet – Foto: Teatro de la Plaza

Acht Prinzen und die Frage nach dem Sein

Das Teatro la Plaza aus Peru brachte im Rahmen des Festivals „Besondere Blickwinkel" eine außergewöhnliche Shakespeare-Interpretation nach Ingolstadt – und das Publikum war restlos begeistert. Tränen, Standing Ovations und ein Theaterabend, der noch lange nachwirken wird.

Alle klassischen Elemente waren da: der Totenschädel, Ophelias Wahnsinn, der rächende Vatergeist, die berühmte Frage „Sein oder Nichtsein?" und das tödliche Gift. Doch das Teatro la Plaza erzählte die Geschichte auf spektakuläre Weise: Acht Darsteller:innen mit Down-Syndrom schlüpften in die Rollen und zeigten mit Witz, Tempo und großer Wahrhaftigkeit, was dieses Stück heute bedeuten kann.

Regisseurin Chela De Ferrari verknüpfte die großen Themen Shakespeares – Liebe und Tod, Macht und Misstrauen, moralische Ordnung – mit der Lebenswirklichkeit ihrer Darsteller:innen. Es ging um körperliche Beeinträchtigungen, gesellschaftliche Vorurteile, mangelndes Zutrauen, um Herabwürdigungen und fehlende Rechte, aber auch um Liebeskummer, Angst vor dem Da-Sein und Zweifel am Anders-Sein. Die Performer:innen wussten genau, wovon sie sprachen – und taten es mit Vehemenz, Leidenschaft und einer gehörigen Portion Selbstironie.

Schon bei der Vorstellung wiesen sie augenzwinkernd auf ihre Besonderheiten hin: langsame Aussprache, Stottern, Unverständlichkeit.

Aber hey! Entspannt euch! Es gibt deutsche Übertitel! Und wem's nicht gefällt, der kann gehen!

Der modernisierte Text mit Jugendsprache und herzerfrischenden Gags sorgte für Lacher und machte das Stück zu einem hochdramatischen und zugleich urkomischen Erlebnis über wahre Menschlichkeit, Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Theatrale Anarchie und poetische Bilder

Die acht Darsteller:innen – Octavio Bernaza, Jaime Cruz, Lucas Demarchi, Manuel García, Diana Gutierrez, Cristina León Barandiarán, Ximena Rodríguez und Álvaro Toledo – holten Hamlet ins Heute. Sie gaben die Krone weiter, spielten sich durch alle Rollen, träumten als drei Ophelias von Selbstbestimmtheit. Besonders berührend: Jaime Cruz holte sich in einem witzigen Skype-Gespräch Rat bei Hamlet-Darsteller Ian McKellen, bevor das gesamte Ensemble schließlich den berühmtesten Monolog der Weltliteratur rappte.

Die Inszenierung überraschte mit unvorhersehbaren Wendungen, verblüffenden Videoprojektionen, Mitmach-Aktionen und reicher Klangvielfalt. Die Performer:innen fielen aus ihren Rollen, kommentierten sie, führten Interviews, präsentierten Probenprozesse und erzählten dem Publikum, wie „Hamlet" ihr Leben verändert hat.

Seit drei Jahren tourt das Teatro la Plaza mit dieser Produktion durch die Welt und wird zu Recht gefeiert – als kluges, unterhaltsames und berührendes Manifest der Selbstermächtigung.

Die nachfolgenden Bilder zeigen aus Datenschutzgründen nicht das Bildmaterial der Aufführung, vermitteln aber die besondere Stimmung und Atmosphäre dieses unvergesslichen Abends.

 
 

Let´s color it

 
 

Let´s color it Workshop – Foto: Germaine Nassal

Workshop mit Carolina Amaya: Geschichten verweben

Fäden als Sprache

Mit Fäden, Strukturen und Farben entstanden in den Workshops persönliche und gemeinschaftliche Werke, die Erinnerungen, Identität und Veränderung widerspiegelten. Das Weben wurde dabei zu mehr als nur einer handwerklichen Technik – es entwickelte sich sowohl zur meditativen Praxis als auch zu einer symbolischen Geste: Erfahrungen und Geschichten verwoben sich zu etwas Neuem und Schönem.

Offen für alle

Vorkenntnisse waren nicht erforderlich – nur die Offenheit zum Gestalten, Teilen und Entdecken. Menschen von 10 bis 99 Jahren konnten teilnehmen und in einer dreistündigen Einheit ihre eigene kreative Sprache finden.

Der Workshop fand in englischer Lautsprache mit Übersetzung ins Deutsche statt. Bei Voranmeldung wurde auch eine Übersetzung in deutsche Gebärdensprache angeboten – ein weiteres Zeichen dafür, dass das Festival Barrierefreiheit ernst nahm und allen Menschen die Teilhabe ermöglichte.

Carolina Amayas skulpturaler Workshop bot den Teilnehmenden einen Raum, in dem Kunst zur Brücke wurde – zwischen Menschen, zwischen Sprachen, zwischen individuellen Erfahrungen und gemeinsamen Momenten der Kreativität.

 
 

Interaktion 2.0

 
 

Interaktion 2.0 – Foto: Germaine Nassal

Wenn Malerei, Musik und Bewegung verschmelzen

Nastassia ist ein junges, stilles Mädchen. Sie spricht wenig, beobachtet viel und malt besondere Bilder. Durch ihre Kunst öffnete sich im Theater am Glacis eine Welt voller Fantasie, in der Grenzen zwischen den Kunstformen verschwanden.

Die Eigenproduktion „Interaktion" des Kunstzentrums Besondere Menschen zeigte eindrucksvoll, wie Kunst Barrieren überwinden kann. Nastassias farbenfrohe Gemälde erwachten zum Leben, als Tänzer:innen sich in fließenden Bewegungen mit den Farben und Formen verbanden. Mal zart und verspielt, mal kraftvoll und expressiv entstand eine faszinierende Interaktion zwischen Körper, Klang, Bild und Bewegung.

Die projizierten Bilder verwandelten die Bühne in ein sich ständig wandelndes Gemälde, während atmosphärische Live-Musik und Klänge das Publikum in die innere Welt des Mädchens versetzten.

Besonders berührend war der Moment, als Kinder, die normalerweise im Rollstuhl sitzen, dank ausgeklügelter Sicherungstechnik schwerelos durch den Bühnenraum schwebten. Der Tanz führte vom Boden hoch hinaus in die Luft – die Schwerkraft schien außer Kraft gesetzt. Anmutige Luftakrobatik traf auf Breakdance und zeitgenössischen Tanz, während junge Menschen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen gemeinsam mit professionellen Künstler:innen auf der Bühne standen.

Internationale Begegnung

Eine besondere Bereicherung erfuhr die Aufführung durch den internationalen Austausch „Around the world": Tänzer:innen und Jugendliche aus Argentinien gestalteten das Stück mit und erweiterten mit beeindruckender Luftakrobatik die Szenen der Performance.

„Interaktion" zeigte auf vielfältige Weise, was der Name verspricht: die Begegnung zwischen professionellen Künstler:innen und Kindern, zwischen verschiedenen Kunstformen, zwischen dem Publikum und einer Welt voller Fantasie – und vor allem die kraftvolle Botschaft, dass künstlerische Ausdruckskraft keine Grenzen kennt.