Pressestimmen
Das Festivalteam: Maria Tietze, Katharina Kramer, Lisa Helbig und Julia Mayr (von links). Um die fehlenden 30.000 Euro für die Realisierung des Festivals einzuspielen, haben sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Foto Anja Witzke
Barrierefrei auf großer Bühne: 1. Festival für Kunst und Inklusion in Ingolstadt
„Besondere Blickwinkel" heißt das Festival für Kunst und Inklusion, das vom 17. bis 26. Oktober und 13. bis 14. März zum ersten Mal in Ingolstadt stattfindet. Um das vielfältige Programm aus Theater, Tanz, Musik, Ausstellungen und Workshops realisieren zu können, wurde jetzt eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.
Schon lange war das Festival ein Wunsch von Maria Tietze, die vor 15 Jahren das Kunstzentrum Besondere Menschen gegründet hat. Seitdem hat sie durch ihre Arbeit, insbesondere durch Tanztheateraufführungen, das Thema Inklusion für die Öffentlichkeit erfahrbar. Mit dem Stadttheater Ingolstadt hat sie nun einen Kooperationspartner gefunden.
„Ein Festival erhöht die Sichtbarkeit", sagt Julia Mayr, Leiterin des Jungen Theaters. „Uns war es ein Anliegen, eine größere Öffentlichkeit zu schaffen für das Thema Inklusion und inklusive Kunst. Denn im Kunstzentrum Besondere Menschen werden ganz verschiedene Kunstformen bedient. Das wollen wir auch mit den eingeladenen Gastspielen zeigen: Es gibt verschiedene künstlerische Ausdrucksformen und auch ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Das lässt sich in so einem Festival gut zeigen." Das Theater am Glacis wird dabei zum Festivalzentrum.
Grenzen abbauen, neue Perspektiven eröffnen
Gleichberechtigte Teilhabe, Grenzen abbauen, neue Perspektiven eröffnen – all das stärkt Vielfalt, fördert Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und das haben sich die Festivalmacherinnen der „Besonderen Blickwinkel" auf die Fahnen geschrieben.
Bei großem inklusiven Festivals in Berlin und Leipzig hat das Team Kontakte geknüpft, sich Inspirationen geholt oder auch ganz praktische Hilfe erbeten. Denn: „So ein Festival braucht eine ganz andere Organisation und Logistik", fügt Tanzpädagogin und Mitorganisatorin Katharina Kramer an und zählt Themen wie Barrierefreiheit, Leichte Sprache, Audiodeskription oder Gebärdendolmetscher auf. Barrierefreiheit muss ja nicht nur fürs Publikum gewährleistet sein, sondern auch hinter der Bühne oder in die Umkleiden sollte man mit Rollstühlen klar kommen können. All das muss mitbedacht oder organisiert werden. „Es klingt vielleicht paradox, aber all diese Komplikationen haben auch ein Gutes: Schwierigkeiten sind da, um sie zu erkennen und zu bewältigen – im Sinne der Inklusion", sagt Maria Tietze.
Zwei Blickwinkel - im Oktober und im März
Das Festival teilt sich auf in zwei Festivalzeiträume – Oktober 2025 und März 2026. Neben der Eigenproduktion des Kunstzentrums Besondere Menschen „Interaktion", die für das Festival mit neuen Projektionen, Luftakrobatik und Künstlerinnen aus Argentinien neu arrangiert wird, werden mix-abled Performances aus dem Ausland eingeladen. So zeigt das Teatro la Plaza Peru am 18. Oktober etwa „Hamlet", aus Belgien kommt am 21. Oktober „Carmen" in einer Fassung des Theater Stap und der Compagnie Lodewijk.
„Zum ersten Mal habe ich einen neuen Blick auf Hamlet bekommen", sagt Julia Mayr, die die Produktion ausgewählt hat. „Natürlich ist es Shakespeares Geschichte, aber hier wird das Thema Verrücktsein anders verhandelt. Hier lautet die Frage: Wer ist eigentlich verrückt in der Gesellschaft? Das fand ich spannend. Für mich ist das der beste Hamlet, den ich je gesehen habe."
Im März wird es ein Gastspiel aus Berlin geben: „Bauchgefühl" vom Theater Thikwa und dem feministischen Kollektiv hannsjana dreht sich ums Kinderkriegen und die Frage, ob Menschen mit Behinderung Kinder bekommen sollen. „Das wird in dieser Produktion sehr lustvoll beantwortet. Man muss viel lachen, obwohl es wirklich ein ernstes, gesellschaftlich krass relevantes Thema ist", sagt Julia Mayr.
Begleitet wird das Festival „Besondere Blickwinkel von einer Ausstellung und verschiedenen Workshops für Menschen mit und ohne Behinderung und unterschiedliche Altersstufen. So wird etwa Carolina Amaya, die schon beim Fem*Festival in Ingolstadt ausgestellt hat, einen skulpturalen Workshop veranstalten. Man kann sich für einen Luftakrobatik-Workshop anmelden. Und es gibt Angebote für Schulen.
Modenschau mit spektakulärer Haute Couture
Außerdem plant das Kunstzentrum Besondere Menschen eine Modenschau. Am 13. März wird der rote Teppich ausgerollt, damit berühmte Modeikonen spektakuläre Haute Couture präsentieren können. Mit Theater und Gesang soll dann eine inklusive Modewelt entstehen, fernab von scheinbar „normalen" Kategorien, wünscht sich Maria Tietze.
Um die noch fehlenden 30 000 Euro für das Festival einzuspielen, wurde jetzt eine Crowdfunding-Kampagne gestartet: Unter www.startnext.com/besondere-blickwinkel kann man einfach spenden, sich ein Meet&Greet mit den Künstlern sichern, Postkarten und Kunstwerke kaufen, eine Patenschaft für einen Künstler übernehmen oder sich ein Kunstwerk zu Hause gestalten lassen, erläutert Koordinatorin Lisa Helbig. Konkret werden mit diesem Geld Gagen für inklusiv arbeitende Kunstschaffende finanziert, Material für Workshops gekauft, oder es fließt in die barrierefreie Infrastruktur und Veranstaltungsorganisation. Die ersten 3000 Euro sind schon geschafft.
Einen Rückblick zu den Shows findet ihr hier:
Kreativ, inklusiv, komisch: JanKress, JuliaKeren Turbahn und Jan Rozman beim Festival „BesondereBlickwinkel“. Foto: PhilippWeinrich
Echt baff!
Tanzen, rätseln, mitmachen: Die inklusive Performance “O (die shOw)
Ingolstadt – Okay, der erste Begriff war einfach: Das, was Julia Keren Turbahn da mit vollem Körpereinsatz tanzt, sieht weder nach Ameise noch nach Computer aus. Das kann nur Boden sein. Ein Blick ins Publikum: Welches Gebärdenzeichen wird hochgehalten: A wie Ameise, B wie Boden oder C wie Computer? Genau: Das „B“ im Fingeralphabet wird gebildet, indem die Hand flach gehalten wird, die Handfläche nach vorne zeigt und alle vier Finger aufrecht zusammenstehen, während der Daumen vor der Handfläche liegt. Später wird es schwieriger: Zeigt Jan Kress „Zeit“ oder „gefährlich“? Und meint Jan Rozman „Lüge“ oder “Papier“?
Wir befinden uns bereits mitten in Spiel 3 der interaktiven Produktion „O (die shOw)“, die im Rahmen des inklusiven Festivals „Besondere Blickwinkel“ am Freitagvormittag in der Werkstatt des Jungen Theaters gezeigt wird. Und das Publikum ist voll bei der Sache. Denn das, was das Trio von „baff“ präsentiert, ist wirklich außergewöhnlich: raffiniert, poetisch, innovativ und mit hohem Spaßfaktor. DasTeam besteht aus hörenden und nicht hörenden Kunstschaffenden, die eine Theater und Tanzperformance über Sprache, Buchstaben und Kommunikation entwickelt haben, die auf verblüffende Weise illustriert, dass man sich nicht nur mit Worten verständigen kann.
Ausgangspunkt ist der Buchstabe O – zugleich Form, Klang und Anfang einer Geschichte, in der drei Figuren vorkommen, ein Roller und Kirschen und ein Streit über ein magisches Tor. Der beherzte Sprung in den Lichtkreis bringt die drei Spielenden in eine andere Dimension, wo sich ein unsichtbares, nur mit Händen und Körper geformtes O plötzlich verwandelt. Sonne, Frisbee, Autolenkrad, Hula-Hoop-Reifen, Pfannkuchen, Riesenkaugummi-Bubble – alles wird theatral umgesetzt.
Entzückend die automobile Raserei, der flippende Pfannkuchen oder die Kuchenstücke, die pantomimisch im Publikum verteilt (und gegessen) werden. Ein grandios komischer Prolog zu Spiel 1. Mit weiterer Publikumsbeteiligung. Einer der Spieler malt mit seinen Händen einen Begriff in die Luft, während alle anderen diese Linien auf Papier nachzeichnen. Denn unter jedem Sitz befinden sich ein kleines Büchlein und ein Stift. Danach halten alle ihre Skizzen hoch und es wird kontrolliert: Wer hat die Sonne richtig gesehen? Oder den Roller? Auch bei Spiel 2 braucht man Hilfe aus dem Publikum. Dann werden Buchstaben und Wörter gesucht, die mit dem Körper geformt werden.
Spiel, Tanz, Rhythmus, Sound, Licht, Geschichtenerzählen in Laut- und Gebärdensprache – all das wird hier zu einem gewitzten Spektakel verbunden, das mit variabel bespielbaren Bühnenelementen perfekt umgesetzt werden kann: Würfel in verschiedenen Größen mit weißen, schwarzen und bunt gemusterten Quelle: Anja Witzke DonaukurierFlächen, die sich immer wieder neu zusammensetzen lassen – zu Spieltürmen, Buzzern, Rätselbildern oder einer Projektonswand. Auf der man eine Geschichte lesen kann. Von O und OOO und OOOOOOO, einem Roller, einem magischen Tor…
„O (die shOw)“ ist ein Ereignis. Ist große Kunst auf kleinstemRaum. Kreativ, inklusiv und super lustig.
Quelle: Anja Witzke Donaukurier
Weiterer Bericht zum Nachlesen und hören beim Kulturkanal.
Mode ist Teil der Persönlichkeit: Szene der Show „Moon River“ imRahmen des Festivals „Besondere Blickwinkel“. Foto: Germaine Nassal
Inklusion auf dem Catwalk
Standing Ovations für die Modenschau „Moon River“ vom Kunstzentrum Besondere Menschen im Ingolstädter Stadttheater
Ingolstadt – Mode ist mehr als Kleidung. Sie ist Ausdruck von Identität und Freiheit, erzählt etwas über Persönlichkeit, schafft Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Generation, einer bestimmten Lebensweise – hat also auch eine soziale Funktion. Für Menschen mit Behinderung spielt Mode eine besondere Rolle, weil sie nicht nur Ausdruck von Persönlichkeit ist, sondern auch eng mit Selbstständigkeit, Komfort und gesellschaftlicher Teilhabe verbunden ist.
Dabei wird Mode für Menschen mit Behinderung oft zur Herausforderung. Weil sie meist für Standardmaße produziert wird. Weil sie Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern, Menschen mit Prothesen oder eingeschränkter Beweglichkeit nicht im Blick hat. Weil kleine Knöpfe, enge Schnitte oder unbequeme Passformen zu Schwierigkeiten beim Anziehen führen. Weil medizinische Hilfsmittel wie Orthesen in der Gestaltung selten berücksichtigt werden. Weil es nur eine begrenzte Auswahl an schicker Kleidung gibt.
Schon lange arbeitet die Tänzerin Maria Tietze mit Menschen mit Beeinträchtigungen, hat seit 15 Jahren ein Kunstzentrum für Besondere Menschen aufgebaut, wo Teilnehmende sich in einem professionellen Umfeld kreativ ausdrücken, experimentieren und weiterentwickeln können. Mit ihnen hat sie für das Festival „Besondere Blickwinkel“ eine Modenschau entwickelt, die all diese Fragen in den Fokus rückt. „Moon River“ wurde am Freitagabend im Stadttheater Ingolstadt mit Standing Ovations gefeiert.
Der Catwalk befindet sich auf derBühne des GroßenHauses, das Publikum sitzt zu beiden Seiten und zum Teil auch in den ersten Reihen des Zuschauerraumes. Die Liveband hat sich auf der linken Vorderbühne postiert. Ihr kommt eine zentrale Rolle zu. Denn hier, bei Sängerin Elli Funk und ihrem formidablen Ensemble, pocht das Herz der Show. Die Musik gibt den Rhythmus vor, bestimmt die Atmosphäre, verstärkt Emotionen – und strukturiert die Show.
Denn das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf den Models – und der Kollektion von Sabrin Manyas und Xenia Frank. Sie haben Outfits entworfen, die den Bedürfnissen ihrer Träger entsprechen – weil sie sie gefragt haben. „Wir wollten, dass sie sich wie Stars fühlen“, sagt Designerin Sabrin Manyas. Trotz aller Eleganz sollten die Kleidungsstücke leicht anzuziehen sein, Stoffe mit Stretch-Anteil sorgen fürTragekomfort. Und: Die Körper sollten bewusst nicht versteckt werden. Und so bewegen sich Marina, Sofie, Leonie, Julian, Dara und Eray selbstbewusst über die Bühne. Mit und ohne Rollstuhl. Umhüllt in fließende Stoffe aus Organza oder Samt. Schwarz, Dunkelblau und Beige hat Manyas passend zum Thema „Moon River“ gewählt. Kleider, Röcke, Hosen, Westen, Stulpen mit Blütenornamenten, kühne Details. Raffinierte asymmetrische Schnitte in ungewöhnlichem Materialmix, fedrig, seidig, schimmernd, glatt, kühl, hart, weich. Glamourös in Stil undAusdruck. Die Musik greift all das auf, gibt sich kantig, jazzig, actionreich, verträumt, bildet einen perfekten ResonanzrKulturkanalaum.
Maria Tietze und Gunther Henne haben dazu eine Choreografie entwickelt, die die individuellen Stärken der Jugendlichen betont und schaffen so aus Bewegung, Musik und Mode eine außergewöhnliche Show, inklusive KulturkanalTanz im Rollstuhl, Radschlag quer über den Laufsteg, einer Performance mit Tenorhorn.
Um für das Thema zu sensibilisieren, gibt es dazu Interviews mit den Jugendlichen und ihren Eltern, die auf eine große Leinwand projiziert werden. Unter anderem wurde gefragt: Was bedeutet Kleidung für dich? Welche Kleidung ziehst du gern an? Wie wichtig ist es dir, selbst entscheiden zu dürfen? Gibt es eine Farbe, die du gern magst? Die Antworten sind deutlich: Mode ist wichtig. Sie ist Teil der Persönlichkeit. Aber die Herausforderungen, „normal“ einzukaufen, sind hoch. Mehr Auswahl, trendigere Outfits, spezielle Größen, entsprechende Räumlichkeiten für die Anprobe, überhaupt Barrierefreiheit werden da genannt.
Und der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit und Teilhabe – auch in der Mode. Der Abend ist Show und Statement zugleich: „Moon River“ rückt das Thema vom Rand ins Rampenlicht–mit unkonventionellen Perspektiven, in überraschender Ästhetik, mit Kreativität, Energie und Empathie.
Quelle: Anja Witzke vom Donaukurier
Weiterer Bericht vom Kulturkanal ist hier nachzulesen und zu hören: Kulturkanal
Jaime Cruz schaffte es vom Platzanweiser im Theater zum Titelhelden im „Hamlet“. Mit seiner außergewöhnlichen Shakespeare-Produktion setzte das Teatro la Plaza ein starkes Zeichen für Inklusion. „Das Unsichtbare sichtbar machen“ und Theater als Ort der Reflexion nutzen, ist das Leitmotiv des Theaters aus Peru. Foto: Teatro la Plaza
Spektakuläre „Hamlet“-Produktion des Teatro la Plaza in Ingolstadt
Was für ein Abend! Tränen! Standing Ovations! Der Totenschädel! Ophelias Wahnsinn! Der Geist von Hamlets Vater, der bei Nacht und Nebel Vergeltung fordert für den Mord! Die Mausefalle! Natürlich: Sein oder Nichtsein? Und das Gift, an dem Hamlet sterben wird. Alles drin, was man von Shakespeares Meisterwerk erwartet. Und noch viel mehr. Denn das Teatro la Plaza aus Peru hat sich des Stoffes angenommen. Hier erzählen gleich acht Hamlets mit Down-Syndrom die Geschichte. Und wie sie das machen ist spektakulär, herzzerreißend, mit Witz und Tempo und großer Wahrhaftigkeit. Im Rahmen des inklusiven Festivals „Besondere Blickwinkel“ erlebte das internationale Gastspiel am Samstagabend im Theater am Glacis seine umjubelte Aufführung.
Auf der Bühne und im Leben: Zweifel am Anders
Sein bedeutet, die kaum Raum in der Gesellschaft haben – und schon gar nicht auf einer großen Bühne. Sie hat mit ihrem Ensemble die wichtigen Themen aus „Hamlet“ extrahiert – Liebe und Tod, Macht und Misstrauen, politische und moralische Ordnung – und behutsam mit Problemen aus der Lebenswirklichkeit der Schauspieler und Schauspielerinnen verwoben. Von den körperlichen Beeinträchtigungen, den Vorurteilen der Gesellschaft, dem mangelnden Zutrauen der Eltern, bis zu Herabwürdigungen und fehlenden Rechten, Liebeskummer, Angst vor dem Da-Sein, Zweifel am Anders-Sein. Es geht um Wahrnehmung. Vorurteile. Teilhabe. Freiheit. Selbstbestimmung. Sexualität. Die auf der Bühne wissen genau, wovon sie sprechen. Und sie tun das mit Vehemenz und Leidenschaft – und einer gehörigen Portion Selbstironie.
Schon bei der Vorstellung weisen sie auf ihre Besonderheiten hin: langsame Aussprache, Stottern, Unverständlichkeit. Aber hey! Entspannt Euch! Wir geben unser Bestes! Es gibt deutsche Übertitel! Und überhaupt: Wem’s nicht gefällt, der kann gehen! Si claro.
Tut natürlich keiner. Denn hier gäbe es echt was zu verpassen. Octavio Bernaza, Jaime Cruz, Lucas Demarchi, Manuel García, Diana Gutierrez, Cristina León Barandiarán, Ximena Rodríguez, Álvaro Toledo holen „Hamlet“ ins Heute, geben die Krone und ihre Beschwernisse weiter, spielen sich durch alle Rollen. Sind Claudius, Polonius, Gertrud, Hamlets Vater. Gleich drei Ophelias träumen von Selbstbestimmtheit – mit Kindern, Wohnung, Arbeit, Liebe. Ein schmerzhafter Moment – schließlich wissen wir um Ophelias Schicksal. Sie wird sich selbst töten.
Auch am „Sein oder Nichtsein“ haben alle zu knabbern. Jaime beispielsweise holt sich in einem witzigen Skype-Gespräch Rat bei Hamlet-Darsteller Ian McKellen, müht sich kurz darauf an einer Laurence-Olivier-Kopie, bis das gesamte Ensemble schließlich abstimmt, einen eigenen künstlerischen Weg zu beschreiten – und den berühmtesten Monolog der Weltliteratur rappt.
Immer wieder überrascht die Inszenierung mit unvorhersehbaren Wendungen, mit poetischen Bildern, verblüffenden Videoprojektionen (gleich zu Beginn sieht man eine Geburt), mit Mitmach-Aktion (vier Zuschauer als Bäume, Mond, Giftfläschchen-Halter), mit reicher Klangvielfalt, hoher Emotionalität und theatraler Anarchie. Die Performer und Performerinnen nähern sich ihren Figuren an, fallen aus ihren Rollen, kommentieren sie, führen Interviews, präsentieren Probenprozesse, ziehen Vergleiche, wechseln Perspektiven, wenden sich immer wieder ans Publikum, dem sie später noch erzählen werden, wie „Hamlet“ ihr Leben verändert hat. Es ist ein Plädoyer für Gleichberechtigung und Unabhängigkeit. Ein starker Abend. Klug. Unterhaltsam. Berührend.
Seit drei Jahren tourt das Teatro la Plaza mit der Produktion durch die Welt und wird zu Recht gefeiert – als Manifest der Selbstermächtigung.
Am Abend zuvor war das Festival im proppenvollen Blauen Salon des Stadttheaters mit einer Vernissage des Kulturzentrums Besondere Menschen eröffnet worden. „Es gibt nichts Schöneres, als ein Festival zu machen, denn Festivals bedeuten kreatives Chaos. Man arbeitet lösungsorientiert und das macht viel Spaß“, hatte Intendant Oliver Brunner betont und großzügig die Infrastruktur des Stadttheaters dafür zur Verfügung gestellt: das Theater am Glacis, wo nicht nur alle Performances, sondern zum Teil auch die Workshops stattfinden. Denn: „Inklusion ist ein Menschenrecht.“
Inklusion in der Kunst bedeutet auch Sichtbarkeit
Und damit sich auch wirklich alle mitgenommen fühlten, hatten Katharina Kramer und Maria Tietze vom Organisationsteam die Gäste (die beispielsweise aus Argentinien angereist waren) nicht nur auf Deutsch und Spanisch begrüßt, sondern mit Lotte Dietz auch eine Gebärdendolmetscherin verpflichtet. In drei Sprachen erzählten sie von dem herausfordernden Weg von der Gründung des Kunstzentrums Besondere Menschen mit einer Idee, einer Tänzerin und acht Kindern bis heute mit einem Team von mittlerweile 24 Tänzern und Tänzerinnen, Bildenden Künstlern und Musikerinnen, Theaterschaffenden und Pädagogen, die Projekte mit mehr als 200 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit und ohne Behinderung realisierten. Ein paar Ergebnisse kann man noch bis 25. Oktober in der Ausstellung besichtigen: Farbenfrohe Landschaften, Innenschau und Elementares in spannender Formsprache und Technik. „Kunst muss großzügig sein“, forderte Katharina Kramer. Und: „Kunst muss offen sein für alle.“ Nur so könne man Grenzen überwinden, Verbindungen stiften und neue Perspektiven aufzeigen.
Weil ein Festival nicht ohne Hilfe funktioniert, dankten Kramer und Tietze all ihren Mitstreitern – im Organisationsteam, der kreativen Crew, hinter den Kulissen, im Caritaszentrum St. Vinzenz – und vor allem den Sponsoren, mit deren finanzieller Hilfe erst der Traum vom eigenen Festival realisiert werden konnte. Mittels Crowd-funding sollen noch fehlende Gelder eingeworben werden, denn im März soll der zweite Teil des Festivals über die Bühne gehen und ein starkes Zeichen setzen - für Offenheit, Respekt, Begegnung auf Augenhöhe und neue Blickwinkel.
Triumph der Selbstbestimmung: Szene aus der „Carmen“-Inszenierung von Compagnie Lodewijk/Louis und Theater Stap feiert Hazina Kennis. Foto: Germaine Nassal
Bizets „Carmen“ als bewegendes Musiktheater in Ingolstadt
Dreifaches Jubiläum im Theater am Glacis: Mit Georges Bizets „Carmen“ feiert in diesem Jahr eine der meistgespielten Opern der Welt ihren 150. Geburtstag. Seit 40 Jahren bringt das belgische Theater Stap nun Menschen mit kognitiven Einschränkungen ins Rampenlicht. Und seit 20 Jahren gibt es mittlerweile die Compagnie Lodewijk/Louis, die für dieses Theaterprojekt mit dem Theater Stap kooperierte und eine fulminante und berührende Neufassung von Bizets Opéra-comique inszenierte.
Für diese grandiose Leistung der zwölf Schauspieler und die faszinierende Livemusik gab es zu Recht Standing Ovations.
Dabei wäre diese besondere „Carmen“-Performance fast an einem epileptischen Anfall eines der Hauptdarsteller vor wenigen Tagen gescheitert. Doch der künstlerische Leiter Marc Bryssinck übernahm spontan dessen Rolle, und so sahen die Ingolstädter Zuschauer einen Theaterabend voller Leidenschaft, Humor und Nonkonformismus.
Modernes Klangexperiment zwischen Oper, Pop und Improvisation
Bizets Oper war nur noch in ihren groben Umrissen erkennbar, seine Musik durch die kreative Mangel von Mauro Pawlowski und Dif Sanders gedreht und völlig neu zusammengesetzt, hochprofessionell an Synthesizer und Gitarre gespielt und von Aline Goffin in brillanter Koloratur arienhaft gesungen. So ergab sich ein modernes Klangexperiment zwischen Oper, Pop und Improvisation.
Vor allem aber ging die schauspielerische Leistung der Menschen mit kognitiven Einschränkungen unter die Haut: Sie spielten ihre Rollen authentisch und offen, voller Kraft und Hingabe. Dabei kam auch der Humor nicht zu kurz, denn Yves De Pauw hatte ordentlich am Text geschraubt, ihn modernisiert und Jugendsprache eingebaut – inklusive herzerfrischender Gags, die auch über die eingeblendeten deutschen Übertitel zum Lachen reizten.
Hochdramatisch und zugleich urkomisch
Das Ergebnis: ein hochdramatisches und zugleich urkomisches Stück über wahre Menschlichkeit, über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, über Liebe und
Selbstbestimmung. Und Carmen feiert darin als starke Frau ihre eigene Freiheit. Ihre Botschaft: Geh deinen eigenen Weg und lass dich nicht in Schubladen stecken!
Deshalb gibt es in dieser „Carmen“ einen Soundtrack, der rockt und berührt, melancholisch stimmt und mitreißt. Deshalb stirbt Carmen am Ende auch nicht durch den eifersüchtigen Don José, der zwar auf sie schießt, sie aber verfehlt. Carmen (brillant: Hazina Kennis) reißt mit den anderen Zigeunerinnen siegreich den Arm hoch und triumphiert über die Männerwelt, tritt das Patriarchat in den Boden, steuert auf ein selbstbestimmtes Leben zu. Wenn sie zuvor die Fragen stellt: „Ist es, weil ich eine Frau bin? Ist es, weil meine Stimme nicht so gut ist, dass ich nicht sprechen darf? Ist es, weil ich anders liebe, dass ich keinen Liebhaber verdiene?“, dann bekommen diese Sätze vor dem Hintergrund der bitter nötigen Inklusion eine ganz andere Bedeutung.
Ein Geschlechterkampf
Es ist ein Geschlechterkampf par excellence, den die Compagnie Lodewijk/Louis und das Theater Stap auf die Bühne bringen – ein Stück, das mitten im Heute spielt und den Zuschauer auffordert, seine eigenen Vorstellungen von Normalität, Schönheit und Stärke zu überdenken.
Der zweite weibliche Charakter ist nämlich Micaëla, ein einfaches Mädchen aus Josés Heimatdorf, das ihn liebt, jedoch von ihm abserviert wird, da er sich Hals über Kopf in Carmen verliebt. Micaëla, ganz hinreißend von Gitte Wens gespielt, begnügt sich aber nicht mit diesem Schicksal, sondern sucht sich einen neuen Liebhaber und zeigt nun Don José die kalte Schulter.
Die Männer machen sich in dieser Neuinszenierung eines Opernklassikers vor allem lächerlich: Sie treten als Bademeister und Rettungsschwimmer in knallroten Badehosen und Shorts auf, torkeln slapstickhaft über die Bühne und hängen sich verzweifelt an ihre bröckelnden Klischees: „Frauen sind Hühner und stehen unten auf der Leiter, Männer sind Hähne und können nach oben fliegen.“
Alles überholt und von gestern: Herzerfrischend wischen Carmen und Micaëla diese Vorurteile vom Tisch, küren sich selbst zum Sheriff und lassen den Torero Escamillo nur noch eine hilflose Geste ausführen – er darf seinen Degen nach oben strecken. Triumph der Frauen, der Selbstbestimmung und der Inklusion! Und die Party kann beginnen, während die Habanera erklingt.
Probe im Großen Haus: Maria Tietze (4. von links) und ihr Ensemble bei der „Interaktion“. Premiere ist am Freitag. Foto: Stadttheater Ingolstadt
Getanzte Leichtigkeit ohne Barrieren
Das Kunstzentrum für besondere Menschen bringt mit „Interaktion“ verschiedene Kunstformen auf die Bühne des Stadttheaters
Ingolstadt – Der neunjährige Sebastian ist allein auf der großen Bühne des Stadttheaters. Er ist in seinen körperlichen Bewegungen sichtbar eingeschränkt. Doch als die Livemusik einsetzt, beginnt er mit fließenden Bewegungen und einer Leichtigkeit und Präzision zu tanzen, die einen sofort in den Bann zieht. Nach einiger Zeit kommt die Tänzerin Kathi hinzu, die ihn ergänzt, unterstützt, in die Höhe hebt.
Gleich darauf setzen Hip- Hop-Beats ein, lässig-locker liefern sich Hannes, ein Junge mit Down-Syndrom, und Erkan, der Tänzer, einen rasanten Breakdance Battle.
Karina und Hannes, die normalerweise an den Rollstuhl gefesselt sind, schweben dank ausgeklügelter Sicherungstechnik schwerelos im Bühnenraum und präsentieren mit den Tänzerinnen Maria und Kathi noch einen federleichten Tanz knapp über dem Boden in einer Haltung, die sie so normalerweise nie einnehmen können.
Sarah aus der Zirkusgruppe des Kap94 und Theresa, die Trisomie 21 hat, zeigen eine wunderschöne Nummer mit Hula Hoop und Trapez.
Autist Lewan und Sängerin Elisabeth improvisieren ein mitreißendes Gesangsduett.Wer hier den Ton/Tanzschritt vorgibt, ist in dem Augenblick nicht
wichtig, jeder gibt Impulse, jeder agiert und reagiert, das Ergebnis ist aber immer berührend, wahrhaftig und wirklich beeindruckend. Man vergisst zum Teil, dass ein großer Teil der Akteure Menschen mit verschiedensten Formen einer Behinderung/Entwicklungsstörung sind. Diesen besonderen Menschen eine öffentliche Bühne zu bieten, ist seit Jahren das erklärte Ziel der Schauspielerin und Tänzerin Maria Tietze, die als künstlerische Leiterin und Regisseurin verantwortlich ist für die Performance „Interaktion“, die im Rahmen des Südwindfestivals am Freitag, 1. Juli, um 18.30 Uhr im Großen Haus Premiere feiert.
Interaktion hat in ihrem Kunstzentrum für besondere Menschen, in dem auch diese Produktion entstanden ist, viele Bedeutungen: Professionelle Künstler und Künstlerinnen arbeiten mit Kindern von ganz klein an bis ins junge Erwachsenenalter zusammen, fördern individuell Talente, bieten verschiedene Kunstformen an, in denen sich die Kinder ausdrücken können, beziehen die Eltern immer wieder ein. In Tanz, Theater, Musik, Gesang, Malerei und seit neuestem auch Zirkus werden die Kinder gefördert, wobei die freie Kreativität großgeschrieben wird. Bei Nastassia zeigte sich beispielsweise in der Malerei ein so großes Talent, dass ihre außergewöhnlichen Bilder Maria Tietze auf die Idee brachten, eine Show aus vielfältigen Kunstformen zu entwickeln. So werden am Freitag Projektionen dieser Bilder den Rahmen bilden für die Performance, sie inspirierten die Tänzer, Sänger und Musiker zu eigenen Auftritten wie etwa den Gruppenchoreographien.
Eine spezielle Methode, die Maria Tietze über die Jahre entwickelt hat und sich unter dem Namen „Nieves-Methode“ inzwischen patentieren ließ, ist der Grundstein dafür, dass alle Mitwirkenden ganz entspannt und fokussiert auf der Bühne stehen und ihre individuellen, künstlerischen Fähigkeiten entfalten können.
Bernd Wegmann (l.) und Stefan Höchstädter (r.) vom Rotary Club übergaben die Spenden an die Preisträger. Mit auf dem Bild: Oskar Platzer von der Ingenium-Stiftung, Maria Tietze (Mitte) vom Kunstzentrum Besondere Menschen und Ulrike Foidl von der Erziehungs- und Familienberatung. Foto: Brandl
Rotarier unterstützen soziale Projekte
19. Ingolstädter Sozialpreis vergeben: Fünf Einrichtungen erhalten insgesamt über 18.000 Euro
Ingolstadt – Der Rotary Club (RC) Ingolstadt hat kürzlich zum 19. Mal seinen Ingolstädter Sozialpreis vergeben. Dabei wurde heuer erstmals ein Sonderpreis ausgelobt. Insgesamt vergab die Kommission aus vier Rotariern und zwei Externen 18400 Euro an soziale Projekte und Einrichtungen. Der Betrag setzt sich wie immer aus Spenden von Mitgliedern des Ingolstädter Klubs zusammen.
Der Sonderpreis in Höhe von 8400 Euro ging an die Erziehungs- und Familienberatung Ingolstadt. Gefördert wird damit ein Projekt, das therapeutische Feriengruppen vor allem für Kinder von psychisch oder suchtkranken Eltern als Ganztagsangebot ermöglicht. Diplompsychologin Ulrike Foidl erörterte Hintergründe und Ziele des Projekts im Festvortrag des Abends. Dabei beschrieb sie, etwa anhand von Beispielen aus dem oft problematischen Alltag in betroffenen Familien, die Perspektive der Kinder, die diese durch das therapeutische Angebot erhalten.
Die weiteren Preisträger sind das Kunstzentrum Besondere Menschen Ingolstadt, das 3500 Euro für das Projekt „Ausdrucksform Malerei mit Tanz in der Aufführung ‚Interaktion‘ von jungen Menschen mit Behinderung“ erhält, sowie der Verein Danu, der die Preissumme in Höhe von 2000 Euro für den therapeutischen Mädchenworkshop „Wer bist du denn ...“ verwendet.
Über 1000 Euro kann sich der Förderverein Beratungszentrum für Frauen Ingolstadt freuen. Das geförderte Projekt „Zwergerlzeit“ ist ein Angebot für Eltern und Kinder, die keine oder zu wenig familiäre Unterstützung haben. 3500 Euro Preissumme gehen außerdem an die Ingenium-Stiftung Ingolstadt für die Anschaffung von zwei Tover-Tafeln für Demenzpatienten. Die Begründung der Vergabeentscheidung verlas Diakon Christoph Bayer.
Vor der Übergabe der Preise begrüßte Stefan Höchstädter, Präsident des RC, die Gäste im Spiegelsaal des Kolpinghauses und dankte den Spendern. Er äußerte seine Freude darüber, das die Verleihung nach zweijähriger Corona-Pause wieder in Präsenz stattfinden konnte und berichtete aus der Historie und Entwicklung des RC, dem aktuell 72 Mitglieder angehören. Prägendes Leitmotiv des Klubs sei das selbstlose Dienen, so Höchstädter. Aktuell unterstütze der Verein finanziell eine Freizeitaktion für die Kinder geflüchteter Familien aus der Ukraine. Gerade in Zeiten, in denen die Finanzierung sozialer Projekte immer schwieriger werde, könne der Klub so zu deren Unterstützung beitragen, sagte er. Bisher konnte der RC insgesamt knapp 220.000 Euro an soziale Projekte im Raum Ingolstadt vergeben, hieß es weiter.
Die mit viel Applaus gewürdigte musikalische Umrahmung des Abends mit klassischen Stücken gestalteten Peter Clementi vom RC München-Schwabing an der Violine und Christoph Pauli am Klavier.
Mit 2500 Euro von der SPD und großem Beifall bedacht: Mitglieder des Kunstzentrums Besondere Menschen bei der Verleihung des ersten Fritz-Böhm-Preises am Freitagabend im Koller-Saal. Mit Urkunde: Maria Tietz, Gründerin und Seele des Vereins. Für ihn engagiert sich auch die Schauspielerin Victoria Voss (3.v.r.). Beide bedankten sich gerührt für diese Geste der Wertschätzung. | Foto: Silvester
Vorbild auch für kommende Generationen
Kunstzentrum Besondere Menschen erhält den ersten Fritz-Böhm-Preis der Ingolstädter SPD
Ingolstadt - Er war ein furchtloser Betriebsratsvorsitzender, der aufsässige Vorstandsherren von Volkswagen angriffslustig herausforderte, sobald sie seinem Unternehmen, der erfolgreichen Tochter Audi, nicht die berechtigte Bedeutung zuerkannten.
Und wie sich die bemaß, bestimmte er: Fritz Böhm. Oberster Ar-beitnehmervertreter von 1951 bis 1985 - für einen Betriebsrat eine unglaublich lange Amtszeit. Doch Böhm setzte sich nicht nur für seine Kolleginnen und Kollegen ein, nein, er bat sie ab 1977 auch zur Kasse. Immer in der Weihnachtszeit. Die Spenden der Audi-Belegschaft - gut sechsstellig - gelten in den sozial engagierten Vereinen und Institutionen in der Region Ingolstadt als hoch willkommene Bescherung. Es war Böhms Initiative.
Jetzt gibt es eine neue Auszeichnung, die in Böhms Sinn Zivilcourage und Einsatz für soziale Gerechtigkeit würdigt: den mit 2500 Euro dotierten Fritz-Böhm-Preis der Ingolstädter SPD. Am Freitag, einen Tag vor dem 100. Geburtstag des 2013 gestorbenen, unvergessenen Sozialdemokarten, wurde er im Rudolf-Koller-Saal der Volkshochschule das erste Mal vergeben. Er ging an das Ingolstädter Kunstzentrum Besondere Menschen. Dessen Gründerin, die Tänzerin Maria Tietze, und die Schauspielerin Victoria Voss, die sich auch stark im Verein engagiert, nahmen den Böhm-Preis höchst gerührt entgegen.
Mit ihnen freuten sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsenen mit Behinderung - Besondere Menschen - die über das Kunstzentrum in den Genres Tanz, Theater, Musik oder Malerei Förderung von ehrenamtlich aktiven Profis erfahren. Am Freitag zeigten einige bei der Preisverleihung vor großem Publikum auf der Bühne ihre Kunst.
Die Laudatio hielt OB-Kandidat Christian Scharpf. Böhm habe sich immer mit aller Macht "für sozial Ausgegrenzte eingesetzt". Er bleibe "ein Vorbild auch für kommende Generationen". Mit dem Preis, der alle zwei Jahre vergeben wird, wolle die Ingolstädter SPD "Menschen auszeichnen, die im Geiste Böhms zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen beitragen". So wie das Kunstzentrum Besondere Menschen. Scharpf: "Ich bin begeistert, welch großen Beitrag es für diese Zielsetzung leistet! "
Der SPD-Kreisvorsitzende Christian De Lapuente hat Böhm 2000 als 17-jähriger Juso-Chef kennengelernt. Er beschrieb ihn als "Machtmenschen, der seine Macht immer eingesetzt hat, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. " Bei der Verleihung des Böhm-Preises werde es ganz sicher "nie Wahlkampfreden geben". Gesellschaftspolitisch wurde De Lapuente dennoch kurz: die Toten in Hanau. Der mutmaßliche Täter sei "auch durch AfD-Politiker motiviert worden, denn die haben Nazis und Rassisten in ihren Reihen! " Solche Leute "wollen die Gesellschaft spalten". Da kam er wieder auf Böhm: "Er hat immer gegen Ausgrenzung gekämpft.”
Foto: Nicolas Guerrero
Ingolstädter Kunstzentrum findet international Beachtung
Im Rahmen einer inklusiven Performance wurde das Ingolstädter Kunstzentrum Besondere Menschen mit Unterstützung des Caritas-Zentrums St. Vinzenz in den Vatikan eingeladen.
Der argentinische Künstler Alejandro Marmo hat dort seine Großskulpturen "Jungfrau von Luján" und eine Skulptur der Serie "Cristo Obrero" eingeweiht. Die Skulpturen wurden von Jugendlichen unter seiner Anleitung gestaltet. Sie haben dafür unterschiedlichstes Metall in Buenos Aires gesammelt und daraus die überlebensgroßen Werke entwickelt. Das Thema der Kunstwerke ist die "Umarmung" - die Umarmung als heilende Botschaft. Entstanden aus Dingen, die weggeworfen oder beiseite gelegt wurden.
Marmo war es bei der Präsentation der Kunstwerke wichtig, die Idee der Umarmung noch weiter zu fassen. Er hat die Tänzerinnen und Tänzer des Kunstzentrums Besondere Menschen (Maria Tietze, Katharina Kramer, Marina Lösl, Sofie Fürbacher-Walter und Dara Sherry) sowie drei Musikerinnen aus Argentinien nach Italien eingeladen. Er schafft so eine Umarmung aus Bildender Kunst, Tanz und Musik. Eine Umarmung der Länder Italien, Deutschland und Argentinien.
Für die drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Besonderen Menschen war diese Reise ein ganz großes Erlebnis. "Sie waren selbstverständlich Teil einer künstlerischen Gesamtidee. So wie sie mit ihren unterschiedlichsten Behinderungen auch selbstverständlich ein Teil dieser Gesellschaft sind", wie das Kunstzentrum berichtet. Marina Lösl sagt dazu: "An Inklusion und diesem Projekt finde ich toll, dass jeder Kunst machen kann. Ob er tanzen möchte oder Musik machen - jeder fühlt sich wohl hier. "
Kunstzentrum Besondere Menschen in Russland: Die Ingolstädter Tänzerinnen Maria Tietze und Katharina Kramer (hinten) mit Tanzpartner in Pereslavl-Salesski. | Foto: Barth
Im Auslandseinsatz
Kunstzentrum Besondere Menschen stellt seine Arbeit Sozialarbeitern in Russland vor.
Ingolstadt/Pereslavl (DK) Das Ingolstädter Kunstzentrum Besondere Menschen verbindet unter anderem Tanz mit therapeutischen Ansätzen.
Jetzt sind Maria Tietze, Katharina Kramer, Viktoria Costa und Sabine Schäffer-Leurpendeur nach Russland eingeladen worden, um dort ihre Arbeit vorzustellen. In Pereslavl-Salesski, einer 42000-Einwohner-Stadt 130 Kilometer nordöstlich von Moskau beteiligten sie sich an einem Tanzprojekt mit mehreren zum Teil schwer behinderten Kindern und Jugendlichen.
Zur Aufführung im Theater von Pereslavl waren Professoren und Studierende des Studiengangs Soziale Arbeit der Uni Jaroslawl gekommen, die sehr interessiert an den Methoden des deutschen Teams waren. Zustande gekommen war die Zusammenarbeit auf einer Fachtagung in Berlin. Das Tanzprojekt ist Teil einer von der "Aktion Mensch" geförderten Initiative, die Dorothea Volkert, Vorsitzende der deutsch-russischen Gesellschaft in Neckarsulm initiierte, um die Lebensverhältnisse behinderter Menschen in Russland zu verbessern.
Die russischen Betreuer der Tanzprojektwoche vor Ort, Sozialarbeiter etc. , nahmen den von den Ingolstädter Tänzerinnen gesetzten Impuls auf und ließen sich in erste Arbeitsschritte der Methode der deutschen Künstler einweisen. Zudem wurden, nachdem bereits im Verlauf einer Woche erfreuliche Auswirkungen der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen zu sehen waren, spontan Folgeinitiativen wie die Etablierung eines regelmäßigen Tanzprojektes mit einem ortsansässigen Tänzer, ein monatlicher gemeinsamer Tanzabend mit behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen und eine Arbeitsgruppe für Malerei kombiniert mit Bewegung organisiert.
Das Kunstzentrum Besondere Menschen wurde 2010 gegründet und ermöglicht seitdem Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung in der Region Ingolstadt die Teilnahme an Kunstprojekten in den Sparten Tanz, Theater, Musik, Malerei. Das Projekt in Russland gilt als Startpunkt einer neuen Initiative des Kunstzentrums und soll in den kommenden Jahren in vielen weiteren Ländern, die in der künstlerisch geprägten Behindertenarbeit wenig oder keine Möglichkeiten anbieten können, installiert werden.
Tanz ins Glück
Kulturpreis "Der Grüne Wanninger" für Maria Nieves Tietze
Ingolstadt (DK) Maria Nieves Tietze hat gestern den Kulturpreis "Der Grüne Wanninger" erhalten. Die Tänzerin bekam die Auszeichnung für ihr außergewöhnliches Engagement bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung. Der Preis wird von der Bezirkstagsfraktion der Grünen verliehen.
Die Laudatio von Kathleen Kornprobst auf Maria Nieves Tietze ist kaum zu Ende, als der Applaus aufbrandet und kaum enden will. Die Preisträgerin steht noch hinter den Stuhlreihen der Gäste. Sie, die stolze, aus Argentinien stammende Tänzerin, benötigt noch einen Moment - und ein Taschentuch. Sie trocknet die Freudentränen, doch es wird einige Zeit dauern, bis sie ihre Fassung wiedererlangt hat. Erst als sie eine Kostprobe ihrer Arbeit zeigt, als sie mit den behinderten Kindern zu sachter Klaviermusik tanzt, fühlt sie sich wieder auf sicherem Terrain. Sie reicht dem Jungen im Rollstuhl die Hand, er ergreift sie, und die beiden drehen sich um die eigene Achse.
Das Strahlen des Kindes, die Freude des Augenblicks, die Vertrautheit der Tanzenden - in diesem Moment scheint der Kulturpreis erst einmal nicht mehr wichtig zu sein. Doch während der Tanz nach innen wirkt, schafft der Kulturpreis "Grüne Wanninger" Aufmerksamkeit nach draußen. Er lenkt den Fokus auf das Kunstzentrum Besondere Menschen, wo Maria Nieves Tietze Kurse anbietet und mit ihren "besonderen Menschen" tanzt.
Vor der Verleihung hat Bezirksrat Joachim Siebler die Veranstaltung eröffnet und die Grußworte der Kreisvorsitzenden Steffi Kürten, der Bezirksvorsitzenden Agnes Krumwiede sowie des Landesvorsitzenden Eike Hallitzky moderiert. Martina Drexler, die Konrektorin der Johann-Nepomuk-von-Kurz-Schule, dem Veranstaltungsort, hatte zuvor noch aus der täglichen Arbeit mit den behinderten Kindern erzählt.
"Der Grüne Wanninger", dotiert mit 1000 Euro, wird seit 1988 jedes Jahr verliehen und geht zurück auf die Figur des Buchbinders Wanninger von Karl Valentin. Er möchte eine einfache telefonische Auskunft und gerät dabei in die Mühlen der Verwaltung. In diesem Sinne soll der Kulturpreis Mut machen, nicht aufzugeben; oder wie es Hallitzky formuliert: "Ein Preis der unbändigen Lust an der Kultur."
Von Markus Meßner
Quelle: Donaukurier
Tanzen verbindet: bei der Performance „Sinne“ zum Beispiel behinderte und nicht behinderte Menschen – ganz im Sinne des Kunstzentrums Besondere Menschen gUG - Foto: Hammerl
Blind im Zuschauerraum
Das Kunstzentrum Besondere Menschen präsentiert seine neue Produktion "Sinne"
Ingolstadt (DK) Pfefferminzbonbon oder Schokolade mit Minzgeschmack sind noch nicht ganz auf der Zunge geschmolzen, da verdunkelt sich der Raum im Altstadttheater, die Zuschauer setzen schwarze Augenbinden auf.
Bis zum Auftritt der Tänzerin Aya Sone sind sie nun ganz auf ihr Gehör angewiesen.
Schmecken und riechen, hören und sehen – fast alle Sinne fordert die Performance „Sinne“ von Regisseurin Maria Nieves Tietze und ihrem Ensemble des Kunstzentrums Besondere Menschen gUG heraus. Seit eineinhalb Jahren erarbeiten dort Menschen mit Behinderung zusammen mit Profis Musik-, Theater- und Tanzproduktionen – und nun eben auch diese Performance. Wassertropfen tröpfeln, schwellen an, Geschirr klappert, es raschelt in der Dunkelheit. Eine Gitarre (Slut-Musiker Matthias Neuburger) erklingt, die Trompete (Jazzförderpreisträger Joey Finger) folgt, Perkussion (Sofie Fürbacher, Marianne Frass, Chaira Frommer-Schulz und Aisha Kuttenreich) begleitet die Soloinstrumente und den Flügel (Lewan Paresi). Dann ertönt eine weibliche Stimme (Schauspielerin Viktoria Voss) und schimpft auf den ungnädigen Wecker, der sie um 5 Uhr morgens unbarmherzig aus dem Schlaf gerissen hat.
Schnell erfährt der Zuhörer, dass die Protagonistin blind ist, dass jedes Ding in ihrer Wohnung einen festen Platz hat, damit sie es findet. Dass Zähneputzen kein Problem ist, aber jede Veränderung, die Sehenden als willkommene Abwechslung erscheinen mag, eine große Herausforderung. Die Stimme klagt nicht an, sie will kein Mitleid, sie erzählt einfach von ihrem eigentlich alltäglichen Leben, von der Rücksichtnahme der Kollegen und ihrem Spaß daran, wenn jemand nichts von ihrer Blindheit weiß und sie wohltuend unverkrampft anschnauzt. Eindringlich, in gewisser Weise emotional, ja – aber auf eine Art, die es möglich macht, ihr unvoreingenommen zu lauschen, sich auf Spannung und Humor des Textes von Matthias Neuburger einzulassen, ohne ein schlechtes Gewissen wegen des eigenen Sehvermögens zu bekommen.
Das ist erst wieder beim Soloauftritt von Profitänzerin Aya Sones gefragt, die mit Blindenstock auf die Bühne kommt, zunächst ihre enorme Körperbeherrschung auf einem Stuhl zeigt, und dann einen Pfeiler des Dachstuhls als Bezugspunkt für ihren geschmeidigen Tanz nutzt. Sofie Fürbacher, Marianne Frass, Chaira Frommer-Schulz und Aisha Kuttenreich, das Kunstzentrum-Ensemble, die zunächst am Glockenspiel saßen, werden anschließend von Sones in ihren Tanz eingebunden. Eine gelungene Collage aus Musik, Poesie und Tanz, die das Thema Blindheit spielerisch erschließt und beim Publikum bestens ankommt.
Eine weitere Vorstellung von „Sinne“ gibt es an diesem Sonntag, 22. November 2015, um 18 Uhr im Altstadttheater.
Von Andrea Hammerl
Quelle: Donaukurier
Pirouette auf Rädern
In einer Performance zum Thema Rollstuhl tanzt die 15-jährige Marina Lösel die Hauptrolle
Ingolstadt (DK) „Gelb wie die Sonne“, sagt Marina Lösel und strahlt. Die Schülerin trägt heute zum ersten Mal ihr Kostüm für ihren großen Auftritt: ein gelbes Kleid und eine türkise Hose. „Bitte hinsetzen“: Das ist der Titel einer Performance am Montag in der Halle 9, die sich mit dem Thema Rollstuhl auseinandersetzt. In den Hauptrollen tanzen Marina, eine 15-jährige Köschingerin, und eine Profitänzerin aus Frankfurt.
Noch steht Marina auf beiden Beinen, gleich wird sie sich in einen Rollstuhl setzen: Sie spielt eine Querschnittsgelähmte, die davon träumt, tanzen zu können. Seit Monaten hat die 15-Jährige mit Down-Syndrom trainiert, angeleitet von Maria Nieves Tietze. Die Ingolstädter Schauspielerin und Tanzpädagogin arbeitet seit Jahren mit Behinderten, inzwischen im von ihr gegründeten Kunstzentrum Besondere Menschen. Im Oktober hatte ihr Stück „Sinne“ im Altstadttheater Premiere, jetzt folgt die Aufführung zum Thema Rollstuhl, die sie in der Einladung als „performatives Tanztheaterstück“ bezeichnet.
Zahlreiche Menschen mit und ohne Handicap gestalten den Abend gemeinsam. Dazu gehören Musik mit Mitgliedern des Georgischen Kammerorchesters, eine Kunstausstellung zum Thema sowie ein Bühnenbild der renommierten Künstlerin Kathy Kornprobst, die selbst im Rollstuhl sitzt.
Aus Frankfurt reist für die Vorstellung die professionell ausgebildete Tänzerin Svende Obrocki an. Gemeinsam mit Marina tanzt sie eine Choreographie, in der der Unterkörper reglos bleibt. Stattdessen schieben die Tänzerinnen ihre Beine mit den Händen umher, befinden sich dabei im Rollstuhl oder auf dem Boden. Marinas Vorteil ist ihr Elefantengedächtnis. Zwar fällt ihr das Rechnen oft schwer, nicht immer findet sie die richtigen Worte, um sich auszudrücken. Auf der Bühne aber bewegt sie sich, ohne nachzudenken, weiß jeden Schritt auswendig. „Sie übt tagelang“, erzählt Mutter Sabine Schauer. Ihre Tochter habe sich dabei verändert, sei jetzt viel selbstbewusster: „Maria gibt Marina die Chance, etwas Besonderes zu sein.“
Marina probt derweil auf der Bühne schon einmal den Text, den sie in dem Stück aufsagen wird. „Meine müden Füße, ihr müsst tanzen“, ruft sie laut. Am Montag, 7. Dezember, spricht sie diesen Satz das erste Mal vor Publikum – um 18 Uhr im Kulturzentrum 9 am Hauptbahnhof. Um 17.30 Uhr ist Einlass, die Veranstaltung dauert mit Pause etwas über eineinhalb Stunden. Mehr Informationen zum Kunstzentrum Besondere Menschen gibt Maria Nieves Tietze unter der E-Mail-Adresse kunstzentrum@gmail.com.
Von Annika Schneider
Quelle: Donaukurier
Großen Applaus bekamen die Kinder und Jugendlichen, die im Schattentanzstück „Ferminas Reise zum Vollmond“ mitspielten. Hinter dem Projekt steht der Ingolstädter Verein „Besondere Menschen“,der Kunst- und Kulturkurse für Menschen mit Behinderung anbietet. - Foto: Ebeling
Beinahe schwerelos
Mit einem Schattentanzstück überwinden behinderte Kinder ihre Bewegungsgrenzen
Ingolstadt (DK) Elena ist ein Mädchen mit blondem, schulterlangem Haar. Sie trägt eine Brille, ihr Markenzeichen ist ihr roter Schutzhelm. Elena ist geistig und körperlich behindert. Bei dieser Aufführung spielt das keine Rolle. Sie ist Hauptdarstellerin im Tanzstück des Ingolstädter Projekts „Besondere Menschen“.
„Ferminas Reise zum Vollmond“ heißt das Schattentanzstück, in dem Elena als Hauptfigur eine Reise zum Vollmond unternimmt – dorthin, wo jeder in der Schwerelosigkeit gleich ist und Bewegung keine Rolle spielt. Vergangenen Donnerstag wurde das Stück im neuen Kulturzentrum Halle 9 am Hauptbahnhof von rund 20 Kindern und Jugendlichen mit Behinderung aufgeführt. Dahinter steht der Ingolstädter Verein „Besondere Menschen“, der Tanz- und Kunstkurse für Kinder und Jugendliche mit Behinderung anbietet.
Hinter einer großen Leinwand spielen sie als Schattengestalten die Geschichte von Fermina, die von ihrem Papa zum Geburtstag ein Teleskop geschenkt bekommt. Als sie durch das Okular sieht, erblickt sie fantastische Dinge. Traumwelten erscheinen, Kreaturen mit langen Fingernägeln und Könige auf Thronen, mit einem Zepter in der Hand. Und plötzlich ist Fermina selbst ein Teil dieser Welt, tanzt mit dem Mond und findet auf dem vermeintlich toten und wüsten Himmelskörper ihre Liebe.
Die Leistungen der Schauspieler werden mit Bravorufen aus dem Publikum honoriert. Auch Maria Nieves Tietze vom Verein „Besondere Menschen“, die Leiterin des Theaterprojekts, ist zufrieden. Die gebürtige Argentinierin steht als Tänzerin mit auf der Bühne. Zwar gebe es ein Regiebuch, aber unvorhergesehene Momente könnten immer passieren, erzählt sie. Im Tanz reagiert sie auf die Impulse der Kinder, ohne vorher genau zu wissen, wie diese aussehen. Das sei eine besondere Situation für die Kinder und Jugendlichen, da sie im Alltag meist passive Rollen einnehmen.
Bislang finden die Workshops und Proben des Vereins „Besondere Menschen“ in sozialen Einrichtungen oder einem kleinen Raum in der Ingolstädter Innenstadt statt, wo jedoch Platz und ein Fahrstuhl fehlen. Ziel ist es, irgendwann ein Kunstzentrum für behinderte Menschen im Ingolstädter Zentrum zu gründen. Es soll mit Ateliers, Bühnen und Seminarräumen eine Bildungs- und Begegnungsstätte für Menschen mit und ohne Behinderung werden. „Nach einer geeigneten Immobilie suchen wir derzeit noch“, berichtet die Projektleiterin Maria Nieves Tietze.
Mit dem Stück „Ferminas Reise zum Vollmond“ will Tietze Berührungsängste nehmen. „Das funktioniert vor allem mit körperlicher Kommunikation“, erklärt sie. Tatsächlich kommen die einzigen, sensibel angespielten Töne während der Aufführung aus den Lautsprechern. Ihr Klang vermittelt das Gefühl von Leichtigkeit.
Von Friederike Ebeling
Quelle:Donaukurier
Buntes Farbenspiel: Die Schüler von St. Vinzenz haben mit der Künstlerin Kathy Kornprobst (links) das Wesen der Farben ergründet und ein Bilder-Buch gemalt. Es wird heute präsentiert - Foto: Eberl
Alles schön bunt
Klang der Farben: Malerin Kathy Kornprobst begleitet ein Kunstprojekt mit Schülern von St. Vinzenz
Ingolstadt (DK) Unter Anleitung von Künstlerin Kathy Kornprobst haben Schüler mit unterschiedlichen Behinderungen des Caritas-Zentrums St. Vinzenz das Wesen der Farben studiert. Entstanden ist dabei ein großes Bilderbuch mit vielen ausdrucksstarken abstrakten Gemälden.
Schulleiter Robert Krigers kam auf die Künstlerin zu, ob sie dieses bisher einmalige Kunstprojekt leiten möchte. Und Kathy Kornprobst ließ sich nicht zweimal bitten. Die Sache war umso spannender, als dass die Schüler aus unterschiedlichen Klassen stammen. Dennoch klappte die Zusammenarbeit wie am Schnürchen.
Die jungen Leute lernten anhand einer Geschichte, dass Farben unterschiedliche Eigenschaften besitzen, dass manche sich vertragen und andere wiederum streiten. Mit diesem Wissen ausgestattet malten sie gemeinsam große Bilder – unter Verwendung unterschiedlicher Techniken und Materialien. Florian hatte die Idee für den Namen des Kunstprojekts: der Klang der Farben.
Doch damit nicht genug: Für die heutige Präsentation des Farbenbuchs in Form eines kleinen Theaterstücks verwandeln sich die Schüler von St. Vinzenz selber in die Farbe ihrer Wahl. Florian zum Beispiel geht völlig auf als Rot: Er rennt und hüpft und tobt über die Bühne der Turnhalle. Hanif hingegen bewegt sich als Blau langsam und bedächtig. „Breite dich aus“, ruft Kornprobst ihm bei der Probe zu. Kevin agiert als Grün ebenfalls sehr ruhig und friedlich. Benjamin im Rollstuhl zeigt, dass Gelb klein, aber durchdringend ist. Ramona, die einzige Frau im Team, hüllt sich in geheimnisvolles Violett. Der Betrachter staunt, wie intensiv die Akteure das Wesen ihrer Farben ausdrücken.
Die Begeisterung für das vom Kunstzentrum für besondere Menschen geförderte Projekt ist deutlich spürbar. „Es ist eine Bereicherung, mit so wunderbaren Jugendlichen zu arbeiten“, sagt Kathy Kornprobst. „Ich habe viel Freude und Wärme gespürt.“ Ramona findet den Kurs sehr schön und will weitermachen: „Wir können uns so gut ausdrücken mit Farben.“
Von Suzanne Schattenhofer
Quelle: Donaukurier
Feste Größe: Kathleen Kornprobst ist seit Jahren in der regionalen Kunstszene präsent, so bei der Vernissage ihrer Ausstellung zur Eröffnung der Jazztage 2008 mit Sparkassen-Vorstandschef Dieter Seehofer (oben). Das Bild unten zeigt Selbstporträts der Workshopteilnehmer aus dem aktuellen Projekt „Besondere Menschen“ für behinderte Kinder und Jugendliche - Foto: Herbert/Ebeling
Kunst ohne Grenzen
Kathleen Kornprobst bietet Kurse beim Projekt "Besondere Menschen" an
Kathleen Kornprobst ist gebürtige US-Amerikanerin. Sie war eine junge Frau, als sie zum Studieren nach Europa kam. Vieles war fremd, die Sprache neu und die Umgebung anders. Ihren Platz fand sie schließlich in der Kunst. Seit den 1980er Jahren gibt sie Malkurse für Erwachsene in Ingolstadt und der Region. Vor 20 Jahren ereilte sie ein schwerer Schicksalsschlag. Daran sei ein ärztlicher Fehler schuld gewesen, wie sie sagt. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl. Doch dies eröffnete ihr auch ein neues Betätigungsfeld: Kunst mit behinderten Kindern.
Kornprobst war in der Medizinischen Rehabilitation und zeigte dort ihre Arbeiten in einer Ausstellung. Ein Rektor einer Schule für geistig und körperlich behinderte Schüler sprach sie an, ob sie denn nicht einen Kunstkurs für die Schüler geben könne. „Ich ließ mich auf das Angebot ein und musste feststellen, dass die Tage mit den Schülern zu den schönsten meines Lebens gehörten. Die Arbeit war einfach erfüllend“, erzählt die Künstlerin.Später in Ingolstadt lernt Kornprobst die Argentinierin Maria Nieves Tietze kennen, weil sie ein Model für eines ihrer Kunstwerke suchte. Tietze war gerade nach Deutschland gezogen. Die Sprache war neu, die Umgebung anders. Die Amerikanerin Kornprobst erkennt sich selbst in Tietze wieder – sie sind sich von Anfang an vertraut. „Maria ist wie eine Tochter für mich“, so Kornprobst. Als sie von Tietzes Projekt „Besondere Menschen“ erfährt, ist sie sofort begeistert. Das gemeinnützige Kunstzentrum bietet künstlerische Workshops für behinderte Kinder und Jugendliche an. Es war genau das, worin Kornprobst ihre Berufung sah.
Seit der Gründung des Projekts in Ingolstadt gibt Kornprobst fortlaufend Kunstworkshops für Kinder und Jugendliche mit geistiger oder körperlicher Behinderung. „Weil ich im Rollstuhl sitze, bin ich auf der gleichen Höhe mit den Kindern. Das nimmt Berührungsangst“, erklärt sie. Vorgeschriebene Lehrmethoden wie in der Schule gibt es in den Kursen nicht. Die Freiheit, das zu machen, was einen beschäftigt, sei viel wichtiger.
„Ich helfe, wo Hilfe nötig ist und ermutige, wo Zuspruch erforderlich ist“, sagt Kornprobst. Mehr aber nicht. Sie sieht sich als Begleiterin eines Prozesses des Suchens und Findens, des Festlegens und Verwerfens. Sie sei da, unaufdringlich, aber spürbar. Ihre Aufgabe sieht sie darin, den Kindern den richtigen Umgang mit dem Material und der Technik zu zeigen. Manchmal hält sie einen Ellenbogen, um den richtigen Halt für das Malen oder Zeichnen zu geben. Die Kinder arbeiten nicht nur mit Filz-, Bunt- oder Aquarellstiften, sondern auch mit Fingerfarben. So lernen sie nicht nur das Material kennen, sondern erfahren sich auch selbst.
Das Wichtigste in diesem Prozess sei der spielerische Gedanke, erklärt Kornprobst. Ist ein Bild fertig, wird es deshalb auch nicht interpretiert und gewertet. Der Weg der Selbstwahrnehmung ist wichtiger als das Endprodukt. Und auf diesem gebe es kein Richtig und kein Falsch.
Der neueste Kunstkurs des Projekts „Besondere Menschen“ hat kürzlich begonnen. Er findet wöchentlich bis Juli in der Ingolstädter Tanz- und Kulturwerkstatt statt.
Von Friederike Ebeling
Besondere Menschen: Der Verein bietet Tanz als Therapie an. Von links: Klara Rüsenberg, Dorina Czsisár, Sabine Schäffer, Heinz Mayr, Rainer Grupp, Maria Nieves Tietze, Roberts Krigers, Kathy Kornprobst, Sabine Redl-Thorbeck, Veronika Peters, Matthias Neuburger. - Foto: Ebeling
Tanz als Therapie
Neugegründeter Verein für die Arbeit mit behinderten Menschen stellt sich vor und plant Kunstzentrum
Ingolstadt (DK) Vorsichtig nimmt sie einen Jungen aus dem Rollstuhl. Wiegt ihn zum Takt der Musik in ihren Armen. Streichelt seine Schultern. Wenn Maria Nieves Tietze mit behinderten Kindern und Jugendlichen tanzt, ist das Publikum mucksmäuschenstill.
Die Zuschauer sind fasziniert, schauen mit großen Augen zu. So etwas anrührend Schönes sehen sie selten.
Eigentlich hat die 33-jährige Argentinierin ein Engagement als Schauspielerin und Tänzerin am Ingolstädter Stadttheater. „Ob ich eine Hauptrolle bekomme, ist mir aber nicht wichtig“, sagt sie von sich selbst. Das Tanzen mit den behinderten Kindern nehme in ihrem Leben eine viel größere Rolle ein. „Mit dem Tanz will ich etwas bewegen. Sowohl bei Menschen mit Behinderung als auch bei Menschen ohne“, so Tietze. Seit 2010 engagierte sie sich für den gemeinnützigen Verein „Künstler an die Schulen“. Weil jetzt aber größere Vorhaben geplant sind, musste im Januar ein eigener Verein gegründet werden.
Von nun an werden die Tanzprojekte mit behinderten Kindern und Jugendlichen unter dem Namen „Besondere Menschen e.V.“ laufen. „Damit füllen wir in Ingolstadt eine Nische“, erklärt Matthias Neuburger, der Vorsitzende des Vereins „Künstler an die Schulen“ und Mitglied des neu gegründeten Zusammenschlusses „Besondere Menschen“.
Dessen Ziel sei es, „Menschen mit Behinderung in die Mitte der Gesellschaft zu bringen und sie sichtbarer zu machen“. Damit soll die Arbeit mit Behinderten also nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden, sondern in die Stadtmitte gebracht werden, erklärt Neuburger. Das positivste Feedback der Arbeit sei ein Lächeln der Kinder – dieses Lächeln wolle die Organisation jetzt in die Öffentlichkeit tragen, sagt ein Vereinsmitglied.
Das erste Tanzprojekt von „Besondere Menschen“ heißt „Ferminas Reise zum Vollmond“. Rund 40 Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung aus Ingolstadt und Eichstätt üben ab Februar. Maria Nieves Tietze wird das Projekt leiten. Mit den Kindern wird sie eine virtuelle Reise zum Mond unternehmen. Das Thema Schwerelosigkeit wird künstlerisch verarbeitet. Dabei soll Berührungsangst abgebaut werden, sowohl bei den Tänzern als auch bei den Zuschauern. „Im September wollen wir das Projekt im Rahmen des Internationalen Tanzfestivals in Ingolstadt aufführen“, sagt Tietze.
Während „Ferminas Reise zum Vollmond“ schon in wenigen Wochen beginnt, schlummert in den Köpfen der Vereinsmitglieder eine viel größere Vision: Ein Kunstzentrum soll mit Ateliers, Bühnen und Seminarräumen zur Bildungs- und Begegnungsstätte für Menschen mit und ohne Behinderung werden. Vorerst ist es eine Vision. Aber schon jetzt steht fest, dass das Zentrum an einem zentralen Ort stehen muss. „Ich bin mir sicher: Es wird ein Geschenk für Ingolstadt“, sagt die Künstlerin Tietze. So wie es ein Geschenk für sie sei, mit den Kindern zu tanzen.
Von Friederike Ebeling
Sensible Körperarbeit: Maria Tietze in Aktion. Agnes Krumwiede (im Hintergrund 2. v. r.) und ihr Gast Michael Gerr schauten begeistert zu. Rechts: Roberts Kriegers, der Schulleiter von St. Vinzenz - Foto: Rössle
Eine Künstlerin für die Schule
Die Tänzerin Maria Tietze fördert Kinder des Caritaszentrums
Ingolstadt (DK) Der Name des Vereins bringt das Programm auf den Punkt: „Künstler an die Schulen“. Die Initiatoren haben es sich zum Ziel gesetzt, die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen zu fördern, indem man sie mit Profikünstlern kreativ zusammenarbeiten lässt.
Eine Mitbegründerin des Vereins war Agnes Krumwiede, Künstlerin und Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Ingolstadt. Sie ist gern dabei, wenn Künstler an Schulen in ihrem Wahlkreis kommen.
So auch am Mittwoch, als die argentinische Theaterpädagogin und Tänzerin Maria Tietze, die seit Jahren in Ingolstadt lebt, Kindern des Caritaszentrums St. Vinzenz rhythmisch-musikalische Körperarbeit näher brachte. An Krumwiedes Seite: der Grünen-Politiker Michael Gerr aus Würzburg. Sie unterhielten sich anschließend mit Roberts Kriegers, dem Schulleiter.
Maria Tietze hat im Alter von elf Jahren afrikanischen Tanz gelernt. Als Theaterpädagogin in Argentinien arbeitete sie lang mit körperlich Behinderten und Straßenkindern. In Bayern setzte sie ihr pädagogisches Wirken fort. Tietzes jüngstes Großprojekt war im Juli das vielgelobte Theaterstück „Alda und Kin Shi Huan“, ein Gemeinschaftswerk der Grundschule an der Pestalozzistraße und der Mittelschule an der Maximilianstraße.
Individuell fördern: Dem elfjährigen Enes macht die Tanzstunde mit Maria Nieves Tietze viel Spaß. Er vertraut der Trainerin, die den Kleinen spielerisch zum Mitmachen animiert. - Foto: Hauser
Tanzen ohne Grenzen
Trainerin Maria Nieves Tietze arbeitet mit behinderten Kindern im Caritas-Zentrum St. Vinzenz
Ingolstadt (DK) Mit einem neuen Tanzprojekt begeistert die Theaterpädagogin und Tänzerin Maria Nieves Tietze seit September 2013 Kinder und Jugendliche im Caritas-Zentrums St. Vinzenz. Die Buben und Mädchen mit geistiger Behinderung spüren dabei keine Grenzen.
Knapp 20 Buben und Mädchen mit geistigem Handicap werden jeden Montagnachmittag zu kleinen Tanzkünstlern. Gemeinsam mit Maria Nieves Tietze tauchen die Kinder und Jugendlichen eine Stunde in die Welt des Tanzes ein. Mit erwartungsvollen Gesichtern warten sie im Rhythmikraum gespannt darauf, dass sie von ihrer Trainerin namentlich aufgerufen werden. Erst dann stürmen die Kleinen auf die freie Tanzfläche, wo sie sich begeistert und voll konzentriert zu den Klängen ruhiger Instrumentalmusik bewegen. Einige von ihnen beherrschen sogar eine einstudierte Choreographie zur Musik.
„Wir sind alle Tänzer“ nennt sich ein Projekt, das es für die Schüler der Förderschule des Caritas-Zentrums seit 2010 gibt. Den Anstoß dafür gab Nieves Tietze, wobei es vom Verein „Künstler an Schulen“ gefördert wird. Unterstützen möchte es künftig auch der neugegründete Verein „Besondere Menschen“. Das schulische Tanzen habe letztendlich den Impuls für das neue Projekt in der Heilpädagogischen Tagesstätte für Kinder und Jugendliche gegeben, erklärt Schulleiter Roberts Kriegers. Gefördert wird es von der Caritasstiftung Eichstätt – allerdings nur bis Juli 2016, erklärt Thomas Echtler, Geschäftsführer der Stiftung. „Für die späteren Jahre hoffen wir, noch andere Unterstützer zu finden.“ Das Tanzprojekt langfristig fortzuführen liegt dem Bereichsleiter der pädagogischen Tagesstätte Gerhard Doleschal am Herzen: „Das Projekt gibt den Kindern das Gefühl, etwas Besonderes gemacht zu haben, und ist für sie einfach ein schönes Erlebnis.“
Das Projekt sollte „so viele Jahre wie möglich laufen“, findet auch Nieves Tietze. Jedes Kind habe bereits Fortschritte gemacht, aber Tanzen sei eine Form von Kunst, und als solche benötige sie einfach Zeit. Die Tür steht bei dem Tanzprojekt allen Kindern und Jugendlichen offen. Die aus Argentinien stammende Tanztrainerin berichtet, dass es bei dem Projekt keine Grenzen wegen körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung gebe. Sie fördert und motiviert die jungen Leute zwischen neun und 15 Jahren nach individueller Leistung. Die Kinder und Jugendlichen wissen das zu schätzen, und haben großes Vertrauen in Nieves Tietze: „Unsere Trainerin macht das schön und mir gefällt das gemeinsame Tanzen gut“, schwärmt zum Beispiel die 13-jährige Marina. Sichtlich Spaß macht die Bewegung zur Musik auch Stefanie Magel. Die 15-Jährige ist zwar mehrfach gehandicapt und sitzt im Rollstuhl, das ist aber beim Training kein Problem: Mithilfe eines Gymnastikbands binden sie Nieves Tietze und andere Kinder aktiv in die Tänze ein. „Steffi freut sich schon am Wochenende aufs Tanzen“, berichtet ihre Mutter Tatjana. Ihre Tochter habe sich durch das Projekt richtig geöffnet. Zudem leide sie an Krampfanfällen, die beim Tanzen bisher noch nie aufgetreten seien.
Die Kinder zu begeistern und zu fördern sei das Ziel des Projekts, betont Doleschal. Zwar plant Maria Nieves Tietze mit ihnen dieses Jahr am 24. September unter dem Motto „Fernimas Reise zum Mond“ eine Tanzaufführung, aber Doleschal versichert: „Das ist für uns dann nur noch das i-Tüpfelchen des Projekts.“
Von Nadja Kienle
Quelle: Donaukurier
eden Freitag unterrichtet Maria Nieves Tietze behinderte Kinder im Caritaszentrum St. Vinzenz. Am 5. Juni zeigen 40 Kinder und Jugendliche ihr Tanzprojekt im Kleinen Haus - Foto: Füßler
Tango im Rollstuhl
Maria Nieves Tietze zeigt im Stadttheater ein Tanzprojekt mit Kindern des Caritaszentrums St. Vinzenz
Ingolstadt (aw) Sie wird Tango tanzen mit Jeremy und fliegen mit Katharina – obwohl beide im Rollstuhl sitzen. „Liebe ist in dir“ heißt das Tanzprojekt von Maria Nieves Tietze, das sie mit 40 „besonderen“ Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen acht und 14 Jahren am Mittwoch, 5. Juni, um 18 Uhr im Kleinen Haus des Stadttheaters Ingolstadt zeigen wird. Und noch einmal – in einer abgespeckten Version – während des Jugendkulturfestivals „Tumult“ am 13. Juli im Museum für Konkrete Kunst.
Seit drei Jahren arbeitet die argentinische Schauspielerin und Tänzerin mit behinderten Kindern im Caritaszentrum St. Vinzenz. Jeden Freitag unterrichtet sie fünf Gruppen mit unterschiedlichen geistigen und/oder körperlichen Behinderungen im kreativen Tanz. Eine Arbeit, die nicht nur den Kindern, sondern auch ihr selbst viel bedeutet, ihr Kraft gibt, sie erfüllt. „Ich wachse daran“, sagt Maria Nieves Tietze. Auch wenn es ihr weniger um die therapeutische als um die künstlerische Seite geht – die Kinder machen Fortschritte, lernen Unglaubliches über diese spezielle Art der Kommunikation. Sie arbeitet in kleinen Gruppen – aber individuell mit jedem Kind. Und weil sie jedes Kind sehr genau kennt, kann sie jedes Kind nach seinem Können fordern und fördern.
Gemeinsam mit den Kindern hat sie eine Vorstellung erarbeitet, die sie schon viermal im geschützten Raum der Turnhalle von St. Vinzenz vorgeführt hat, und die sie nun auch öffentlich in der Stadt zeigen will. Denn auch das ist ein Anliegen von Maria Nieves Tietze: Integration. Eigentlich sucht sie einen öffentlichen Raum, in dem sie mit „ihren“ Kindern neue Projekte entwickeln kann, wo diese vielleicht Gesangs- oder Kunstunterricht bekommen könnten, wo Musik oder Akrobatik angeboten werden könnte. Eine Art „Kunstschule“, wo sich Menschen mit und ohne Behinderung treffen könnten. Die öffentlichen Auftritte versteht die Künstlerin als erste Schritte in diese Richtung.
Ein weiterer Schritt wird der Dokumentarfilm sein, den Stefano Di Buduo über ihre Arbeit dreht. Und: Es gibt schon ein neues Projekt – den „Circo Lunar“ (Mondzirkus). In Anlehnung an den „Cirque du Soleil“ möchte Maria Nieves Tietze gemeinsam mit einer argentinischen Akrobatin mit den Kindern von St. Vinzenz trainieren. „Ich möchte, dass die Kinder nicht nur auf dem Boden arbeiten, sondern eine neue Ebene kennenlernen und eine andere Art von Bewegung entdecken.“
Das Tanzprojekt „Liebe ist in dir“ wird am 5. Juni um 18 Uhr im Kleinen Haus des Stadttheaters aufgeführt. Der Eintritt ist frei.